Schlachtung: Warum stehen Muslime im Mittelpunkt der Diskussion?

Kategorie: Halal
Veröffentlicht: Sonntag, 15. September 2019 18:13
Geschrieben von Super User
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Das islamkonforme Schlachten von Tieren ist in Europa umstritten. Religiöse Vorschriften gelten jedoch nicht nur für Muslime, sondern auch für andere Glaubensrichtungen. Die türkische Zeitschrift „Perspektif“ hat mit dem Fachjournalisten Peter Ziegler darüber gesprochen, warum Muslime im Mittelpunkt dieser europäischen Debatte stehen.

Sie beschäftigen sich sehr stark mit der Halal-Schlachtung/Halal-Food und setzen sich auch tatkräftig dafür ein, was hat sie zu diesem Thema geführt? Worüber wollen Sie die Menschen aufklären und was wollen Sie in dem Bereich für die Zukunft noch erreichen?

Ich bin Anfang 2003 an Al Azhar Kairo zum Islam konvertiert. Es lag deshalb nahe mir über meinen Lifestyle Gedanken zu machen. Dazu gehörte natürlich auch die Auseinandersetzung mit den Speisegeboten. In der Jugend hatte ich auch jüdische Lehrer gehabt und heute sage ich den militanten Tierschützern, dass das älteste Tierschutzgesetz von den Juden stammt. In der schriftlichen Tora, den Fünf Büchern Mose und der mündlichen Tora sind Gebote des schonenden Umgangs und schonenden Tötens von Tieren enthalten. Diese sind Grundlage des jüdischen Tierschutz- und Tierrechtes, wie es im Verbot, Tieren Leiden zuzufügen (Tza’ar baalei chajim), zum Ausdruck kommt. Im Islam sind Umweltschutz und Tierschutz keine neuzeitliche Errungenschaft der Aufklärung und des zivilisatorischen Fortschritts, sondern immanenter Bestandteil des islamischen Wertesystems (Schari`a), und integraler Teil von Lehre und Praxis. Eine ganz andere Sache ist es, dass leider viele ungebildete Muslime diese Gebote nicht achten. Wenn ich von einem kurdischen Freund höre, dass in Ostanatolien Jagd auf Wildschweine eine Art Sport ist und man die Kadaver nach dem Erlegen einfach liegen lässt, dann bin ich traurig und wütend zugleich. Hier wäre der türkische Staat gefordert diese Unsitte unter Strafe zu stellen. Ich habe drei Ziele: gesundes Leben, realistischer Tierschutz und nachhaltige, ethisch vertretbare Fleischwirtschaft.

Das (Halal) Schächten ist in ganz Europa ein umstrittenes Thema. In den vergangenen Jahren haben sich Regelungen verschärft und wenn es um „reines“, „koscheres“ oder um „halal“ Fleisch geht, stehen öfter Muslime im Fokus als andere Gruppen. Können Sie sich erklären warum das so ist?

Zunächst einmal lehne ich als Journalist den deutschen Begriff „schächten“ und „Schächtung“ ab. Er ist in Deutschland durch die Hetze gegen die Juden im Dritten Reich sehr negativ belegt. Damals behauptete das Kampfblatt der NSDAP, „Der Stürmer“, die Juden würden zu ihrem Pessach-Fest christliche Knaben schächten. Fachdiskussion führe ich ohnehin lieber in Englisch und rede hier z.B. von „ritual slaughtering without (oder with) stunning“, also vom rituellen Schlachten mit oder ohne Betäubung. Die Juden in Deutschland schlachten so gut wie gar nicht mehr. Nicht einmal mehr in Berlin beantragen sie eine Sondergenehmigung, weil die Auflagen einfach zu hoch sind. Das koschere Lebensmittelgeschäft „Pläzl“ in der Passauer Straße in Charlottenburg importiert Fleisch aus Paris und Antwerpen. Andere Händler lassen sich Ware sogar aus Neuseeland schicken. Für das Grenzgebiet in Baden und der Schweiz ist der Großschlachthof in Besançon ein führender Lieferant für Muslime und Juden geworden.

Warum gilt Halal Fleisch auch nicht als Bio-Fleisch? Was ist die Problematik dahinter?

Halal Fleisch ist für mich als Fachmann auch Bio wenn es die Bedingungen für Bio-Zertifikate erfüllt. Punkt. Das Gerichtsurteil des EuGH, islamkonformen Fleisch dieses Gütesiegel zu verweigern, ist ein politisches und kein fachliches Urteil und dem derzeitigen Populismus und der Islamphobie geschuldet. Es wird keinen Bestand haben. Schon jetzt ist erkennbar, dass dieses Urteil dem Siegel sehr geschadet hat. Es wird weniger ernst genommen.

Was kann man noch als Halal bezeichnen? Immer mehr Menschen präferieren eine vegetarische oder vegan Ernährungsform. Denken Sie, dass gerade vegetarische und vegan Ernährungsformen eine Alternative für Muslime bedeutet?

Ich weiss von sehr vielen Muslimen, die meine Halal-Seiten bei Facebook und auf meinem Portal halal.li abonniert haben, dass sie ihren Fleischkonsum reduziert haben und ihre Lieferanten kritischer hinterfragen. Die Regel: „Ich kaufe beim Türken und dort ist alles Fleisch halal“, gilt schon lange nicht mehr. Logischerweise verzichten diese Muslime irgendwann ganz auf den Fleischkonsum. Es gibt bereits etliche muslimische Vegetarier-Gruppen, auch bei mir in der Schweiz. Bekannt ist uns ja, dass vor allem im Sufismus der Verzicht auf Fleisch und Alkohol ein hohes religiöses Ideal ist und als Voraussetzung zur Verinnerlichung des Geistes und zur ekstatischen Gottesschau gilt. Ansonsten gibt es klare Regeln für die Vergabe von Halal-Zertifikaten. Diese basieren u.a. auf Beschlüssen der OIC (Organisation von 56 islamischen Staaten).

Es werden inzwischen regelmäßig Halal-Messen veranstaltet, sowohl in Deutschland als auch international. Denken Sie das trotz der Schwierigkeiten von halal-Schlachten der Markt wächst? Wie schätzen sie dieses Wachstum ein?

Wir sollten uns in diesen Kontext nicht nur einseitig mit Halal-Food befassen, sondern ganzheitlich von einer „Halal-Industrie“ reden, auch wenn dies zunächst ein hässlicher Begriff ist. Er beinhaltet 1) Nahrungsmittel, Kosmetik, Kleidung, aber vor allem aber auch 2) Islam Finance und Islam Banking und last but not least den boomenden 3) Halal-Tourismus. Muslimischer Lifestyle kommt auch bei Andersgläubigen an. Inzwischen schreibt die kuwaitisch-türkische KT Bank in Frankfurt, Mannheim, Köln und Berlin eine Erfolgsgeschichte, u.a. mit islamkonformen Krediten. Viele wertekonservative deutsche Nichtmuslime verbringen zum Schutz ihrer Kinder den Urlaub in einem türkischen Halal-Hotel, auch wenn dieses teurer ist als eine normale Herberge. Viele westliche Damen geniessen es dort beim Baden unter sich zu sein und von glotzenden Männeraugen verschont zu bleiben.

Schauen wir uns die weltbekannte Hannover Messe an: die Computermesse CeBit wurde kürzlich abgeschafft, jetzt wird es eine Halalmesse geben. Die Halal-Industrie wird heute nicht in Milliarden, sondern sie wird in Billionen Dollar gemessen. Die Agentur Reuters meldete kürzlich „The global halal market size is expected to reach USD 9.71 trillion by 2025.“ Das sind in deutschen Zahlen 9,71 Billionen USD oder 8,62 Billionen Euro. Da erübrigen sich doch weitere Fragen.

Explizit nochmals zum Halal-Food: nur ein geringerer Teil aller Zertifikate für Lebensmittel betreffen die Erzeugung von Fleisch. Beispielsweise muss auf Verlangen aus Malaysia und Indonesien ab sofort auch Mineralwasser zertifiziert werden. Warum dies, Wasser ist doch Wasser? Nein! Die Abfüller von Wasser verwenden zum Filtrieren Schweineknochen. Das sei besonders effizient. Welcher Muslim, welche Muslima, möchte Wasser trinken, das zuvor durch Schweineknochen tropfte?

Wie steht die deutsche Politik zum halal Schlachten? Was könnte die Politik diesbezüglich noch machen oder verändern?

Politiker sind in westlichen Staaten meist tagesaktuelle Opportunisten. Sie werden auch in dieser Sache nicht agieren, sondern nur reagieren. In der Schweiz sollte Anfang 2001 das dortige „Schächtverbot“ aufgrund einer Studie des Bundes­veterinäramtes aus sachlichen Gründen aus der Verfassung gestrichen werden. Dann kam der Anschlag von 9/11 und die Angelegenheit war über Nacht erledigt. In Deutschland ist das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen leider angespannt. In den Niederlanden und anderswo haben die Juden auch für uns Muslime gekämpft und dieses „Schächtverbot“ verhindert.

Ist halal-Schlachten überhaupt ein politisches Thema? Und wenn ja warum? Wenn nein, warum?

Das war in Deutschland schon immer ein sehr politisches Thema. Das erste Gesetz, dass die Nazis nach ihrer Machtergreifung 1933 beschlossen, war das Verbot der rituellen Schlachtung. Heute benutzt die islamfeindliche AfD den Tierschutz wieder als politische Waffe. Dabei werden Fake-News verbreitet, Gräuelmärchen erzählt und Horrorfilme gezeigt. Unsere Politiker wissen das, aber sie kommen gegen die antimuslimische Propaganda nicht an.

Was müssen Muslime besser machen, damit in Europa das Halal Schächten nicht mehr als Problemthema behandelt wird?

Wir Muslime müssen die Menschen aufklären. Es gibt ein riesiges Informationsdefizit und jede Menge gezielter Desinformationen, sogar bei Medizinern. Es gibt aber de facto auch zahlreiche wissenschaftliche Gutachten, die sachgerechtes „Schächten“ als tierschutzkonform erklären, u.a. in zahlreichen Staaten der USA. Auch von der Tierhochschule Hannover gab es in den 1960er-Jahren ebenfalls ein inzwischen berühmtes Gutachten, das heute unter Verschluss gehalten wird. Nur mit guten Beziehungen gelang es mir, dieses weltweit in englischer Übersetzung verbreitete Werk in deutscher Originalfassung zu erhalten. Was allerdings wirklich nicht geht, das ist, wenn ein sachfremder muslimischer Informatiker einen Bauern besticht und dann in dessen Scheune mit einer Art Brotmesser den Hals eines Schafes durchsäbelt. Wird eine solche Freveltat aufgedeckt, so ist es zum Schaden aller Muslime.

Was muss sich in der Politik und in den Medien verändern, wenn es um das Thema Halal Schlachten geht?

Wenn bestimmte Journalisten nicht gerade gegen „die bösen Russen“ oder gegen Erdogan agieren, dann sind es die „Islamisten“, die attackiert werden. Irgendeine Story wird sich schon finden. Bei Attacken auf Muslime und ihre Moscheen wird der Ball dagegen flach gehalten. Ich erlebe in meinem Heimatort Basel fast täglich drei Länder und Märkte. Deutsche und Deutschschweizer gehen eher verklemmt und mit Vorurteilen behaftet in den Supermarkt. Der Franzose, selbst auf dem Land, ist dagegen auch muslimischer Esskultur gegenüber aufgeschlossen. Während dem Ramadan „erduldet“ der Franzose und die Französin kritiklos grossflächige Werbeplakate, die Halal-Lebensmittel anpreisen. Nur selten kommt einmal von den Rechtsradikalen Protest. Mag sein, dass dies daran liegt, dass Frankreich bis heute in den islamischen Staaten Afrikas sehr präsent ist. In Sachen Toleranz können sich die Deutschen viel von den Franzosen abschneiden.